Kurzer Abriss der Geschichte des "Pädagogischen Seminars" während der NS-Zeit
Erziehungs- und bildungswissenschaftliches Denken, Forschen und Lehren hat an der Universität Graz eine über 100-jährige Tradition, die jedoch mit einigen Brüchen durchsetzt ist. Die „Pädagogische Abteilung des Philosophischen Seminars“ entstand 1904 mit der Übernahme des ersten Lehrstuhls durch Eduard Martinak, der sich vor allem um eine Reform der Gymnasiallehrer-Ausbildung bemühte (Mikula/Bachmann 1996).
Mit Otto Tumlirz (1890-1957), seinem Nachfolger und in den Jahren 1936/37 auch Dekan der Phil. Fakultät, kam ein vehementer Vertreter der Rassenideologie und NSDAP-Mitglied an das nunmehrige „Pädagogische Seminar“. Schon im Wintersemester 1938/39 hielt er die Vorlesung Die Gedanken des Führers und ihre Verwirklichung im Dritten Reich und ab 1944, als er das neu gegründete Psychologische Institut übernahm, Rassendiagnostische Übungen. Sein Entnazifizierungsverfahren und die Zwangspensionierung 1945 überstand er folgenlos, 1948 wurde er zum psychologischen Berater und gerichtlichen Sachverständigen für „besonders schwierige Fälle von Fürsorgezöglingen“ bestellt. 1952 konnte er seine Tätigkeit als Lehrbeauftragter an der Universität wieder aufnehmen und strich das Wort „Rasse“ aus seinen Publikationen, die ansonsten aber nur leicht verändert wiederaufgelegt wurden (z.B. „Anthropologische Psychologie“ 1939/1955).
Tumlirz‘ Nachfolger ab 1944 war der in der Steiermark geborene und von der Universität Kiel kommende Philosoph und Pädagoge Ferdinand Weinhandl (1896-1973), der in Kiel ebenfalls von 1936 bis 1938 als Dekan wirkte. Weinhandl hatte schon seit den 1920ern auf Vorträgen nationalsozialistische Ideen vertreten. 1929 wurde er Fachschaftsleiter des „Kampfbundes für deutsche Kultur“, 1933 Mitglied der NSDAP und des NS-Lehrerbundes sowie der SA; zudem war er der Bereichsleiter für Philosophie der „Arbeitsgruppe für den Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften“ („Aktion Ritterbusch“). 1933 hielt er am 10. Mai die Brandrede bei den Kieler Bücherverbrennungen. Er argumentierte in Vorträgen und Veröffentlichungen mit Schlagwörtern wie Rasse, Führer, geistige Kultur und Deutschtum. 1947 wurde seine Entlassung aus dem akademischen Dienst umgewandelt und er supplierte ab 1950 die Lehrkanzel für Psychologie, bevor er 1951 zum ao. Prof. für Pädagogik und Psychologie ernannt wurde und 1958 zum o. Professor beider Lehrkanzeln. Im Jahre 1963 erhielt Weinhandl das österreichische Ehrenkreuz für Kunst und Wissenschaft 1. Klasse, bevor er sich 1965 emeritieren ließ.
Seit den 1960er-Jahren hat das Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft sich nicht nur auf einer organisatorisch-institutionellen Ebene, sondern naturgemäß vor allem inhaltlich ausdifferenziert, was seinen Niederschlag in den erziehungs- und bildungswissenschaftlichen Subdisziplinen an den Fachbereichen/Lehrstühlen findet. Eine historisch-systematische Beschäftigung mit der speziellen Geschichte des Instituts vor und nach dem Anschluss an Nazi-Deutschland sowie nach 1945 und dem Umgang mit diesem Kapitel der Geschichte seitens des Instituts selbst ist jedoch bisher ausständig. Die wenigen bisherigen Veröffentlichungen stammen von den beiden Institutsmitarbeiterinnen Gerhild Bachmann und Regina Mikula (Monografie „Ein Jahrhundert Pädagogik an der Universität Graz“, 1996, sowie Übersichtsartikel aus dem Jahr 1995) und von Wolfgang Brezinka zur Geschichte der Pädagogik in Österreich (2003). Eine studentische Abschlussarbeit aus 2023 (Preis/Puregger, „Grazer Pädagogik im Nationalsozialismus. Ausgewählte Beispiele einer Vergangenheit, die nicht vergehen will“) liegt ebenfalls vor.
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